Silke Wagner: Migration und Pflanze

Seit dem 5. April, bis zum 6. Oktober 2019, sind auf der Strecke zwischen Hauptbahnhof Heilbronn, BUGA-Gelände und Kunstverein Heilbronn / Kunsthalle Vogelmann in der Allee dreizehn Arbeiten aus dem Zyklus MIGRATION UND PFLANZE von Silke Wagner zu sehen. Zur Eröffnung der BUGA erscheint das umfangreiche Handbuch – die ersten Exemplare sind von Silke Wagner signiert!

In ihrem Vorwort schreiben die beiden Kuratorinnen Matthia Löbke und Gabriele Sand:

„Basilikum kommt aus Indien? Nicht aus Italien? Das ist unmöglich!“, rief Carmela B., eine Kulturelle Mittlerin der Stabstelle Partizipation und Integration Heilbronn mit italienischen Wurzeln. Und nicht nur das Basilikum, auch die Tomate hat keine italienischen Wurzeln, sie stammt aus Peru. Ausgerechnet „Mozzarella di Pomodoro“, das italienische „Nationalgericht“, das auch noch die Nationalfarben rot, weiß und grün abbildet, ein kulinarischer Exportschlager, besteht zu zwei Dritteln aus Zutaten, die ihre Wurzeln nicht in Italien haben. Dieses Erstaunen lässt sich für botanisch nicht Sattelfeste fortsetzen: Der Flieder etwa stammt aus der Türkei, der Spinat aus dem Iran, die Narzisse aus Spanien, die Kiwi aus China.
So haben wir in der Vorbereitung des Projektes MIGRATION UND PFLANZE von Silke Wagner – ob es nun die Akquise von finanziellen Mitteln war, die Zusammenarbeit mit den Autor*innen, die Planung der Veranstaltungen, die Konzerte oder Vorträge, die technische Realisierung, die Herausgabe der begleitenden Drucksachen und der App – mit großem Erkenntnisgewinn, mit Freude und Humor feststellen können, dass die Migration von Pflanzen seit jeher ständig und selbstverständlich stattfindet. Wir alle integrieren Blumen und Pflanzen mit „Migrationshintergrund“ in unseren Gärten, Blumenvasen und auf unseren Tellern. In der Regel ist es uns gar nicht bewusst, wie selbstverständlich und alltäglich diese von uns geleistete „Form der Integration“ vonstatten geht.
Diese einfache wie positive Erkenntnis ist eine der herausragenden Qualitäten des Projektes von Silke Wagner. Die Künstlerin (1968 in Göppingen geboren, lebt und arbeitet in Frankfurt/Main) ist eine ausgesprochene Spezialistin für Arbeiten im öffentlichen Raum. Dabei recherchiert sie zunächst gesellschaftliche wie soziale Phänomene einer Stadt und ent
wickelt auf dieser Grundlage die Umsetzung in ein künstlerisches Projekt. Was ihre Arbeiten auszeichnet ist die besondere Verschränkung ästhetischer mit gesellschaftlichen, politischen und sozialen Komponenten. Aus diesem Grund hat sich der Kunstverein Heilbronn entschieden, Silke Wagner einzuladen, parallel zur Bundesgartenschau in der Innenstadt eine Arbeit zu realisieren. Eine Besonderheit Heilbronns ist ihr ungewöhnlich hoher Anteil an Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. 140 Nationen leben in dieser Stadt, 53,3% aller Einwohner haben einen Migrationshintergrund. Migration und Pflanze miteinander zu verbinden, ist naheliegend und zudem brillant, bietet es doch die Möglichkeit, Themen zur Migration über die Pflanzen zu veranschaulichen und zu verhandeln. Die Künstlerin entwickelte dafür die Darstellung 13 floraler Grafiken, die Statistiken zur Migration abbilden. Formal ließ sich Silke Wagner bei der Gestaltung der Grafiken zunächst von den Farben und Formen der beiden dargestellten Pflanzen inspirieren. Das Abstrakte greift auch hier mit dem Anschaulichen ineinander, eine Qualität, die das ganze Projekt begleitet. Die Bus- und Bahnhaltestellen als Display für ihre Pflanzen-Statistiken zu wählen, nimmt zum einen die Themen Fortbewegung von Menschen auf, zugleich bedeutet das Warten auf den nächsten Bus für die meisten Nutzer*innen des öffentlichen Nahverkehrs Langeweile und ist so eine perfekte Gelegenheit, auf das Projekt aufmerksam zu machen. So hoffen wir, zu einer Sensibilisierung für dieses wichtige, sehr präsente und häufig so negativ besetzte Thema leisten zu können.