Retrospektive Martin Kippenberger Bundeskunsthalle Bonn

Martin Kippenberger sei ein Kämpfer für die Freiheit der Kunst gewesen, der genau darauf geachtet habe, sich keine falschen Freunde zu machen, lautet das Fazit von Kia Vahland in ihrer großen Rezension in der Süddeutschen Zeitung vom 2./3. November 2019. Wie unverbittert, albern so eine Feier der Kunstfreiheit aussehen könne, führe die Retrospektive in der Bundeskunsthalle in Bonn vor Augen. Zum Glück auch ist unsere Gegenwart noch so nahe am 20. Jahrhundert, sodass uns die unverschämte Leichtigkeit der Kunst Martin Kippenbergers, mit der er die Sinnfragen verhandelte, noch immer beflügeln kann.

 

Rein Wolfs schreibt in seinem Vorwort zum Buch:

Input-Output – einfacher und treffender als mit diesen Worten, die gleichzeitig der Titel einer Werkserie von Martin Kippenberger sind, kann man den Mechanismus seiner künstlerischen Praxis kaum beschreiben. Die Input­-Output­-Analyse, die ihre Anwendung in der empirischen Wirtschaftsforschung findet, zielt auf das Verhältnis von Einsatz und Ertrag. Selten, so möchte man meinen, lässt sich die Quintessenz eines ökonomischen Verfahrens so passgenau auf eine künstlerische Strategie übertragen. Bereits vielfach und zu Recht wurde Martin Kippenberger als Meister der Kombination und Kollaboration bezeichnet. Fragen nach Autorschaft, nach Gattung und Medium oder nach (vermeintlicher) Originalität treten bei ihm in den Hintergrund, ja werden von ihm regelrecht zurückgewiesen. Kippenberger sampelt eigene Arbeiten wie auch die anderer Künstler, lässt Konzepte von dritter Hand ausführen, spielt Ideenpingpong mit einer Vielzahl von Personen in seinem Umfeld, darunter befreundete Künstler, Assistenten, Kuratoren oder Galeristen. Zu seinen „Inputs“ zählt darüber hinaus insbesondere auch die visuelle Alltagskultur – Werbung, Plakate, Fernsehen und Mode –, die Kippenberger nicht nur motivisch, sondern auch konzeptuell aufgreift. Er ist Katalysator seiner sämtlichen Eindrücke, er verstärkt, übertreibt, ver­ ändert und überformt die Dinge, er ironisiert und persifliert, stellt neue Kontexte her und öffnet – häufig auch über den Titel – eine Ebene, die weit über das Bild hinausgeht. Dass diese be­ wusste Suche und Verarbeitung von „Input“ gerade nicht einem etwaigen Mangel an Schöpfungs­ potenzial geschuldet ist, sondern im Gegenteil einem geradezu überbordenden Ideenreichtum entspringt, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass in Kippenbergers Bilanz der Output den Input um ein Vielfaches übersteigt. Dass der Künstler sich auf einen Begriff aus der Wirtschaft bezieht, steht sicher auch in Verbindung mit seiner intensiven Auseinandersetzung mit Andy Warhol und dessen Factory. Kippenbergers „Büro“, wie er seinen Atelierbetrieb nannte, kann durchaus als ein den eigenen Vorstellungen angepasstes Korrelat zu jener New Yorker Kunstproduktionsstätte verstanden werden. Die Serie Input-Output ist sämtlich auf den Blättern eines Hotelrechnungs­ blocks entstanden. Sie zeigen hauptsächlich Skizzen seiner verschiedenen Ateliers und Wohnungen, geben dazu einen Hinweis auf den jeweiligen Ort und auf konsumierte Getränke. Sämtlicher Input, sprich: äußere Eindrücke wie auch Nahrungsstoffe bzw. Genussmittel, werden hier gedanklich zusammengeführt und mit einem fiktiven Rechnungsbetrag versehen. Natürlich ironisiert Kippenberger diese analogische Art der Bilanzierung, und doch präsen­ tiert er sie als Modell seiner künstlerischen Vorgehensweise. Wie eng Martin Kippenberger mit seinem weit verzweigten Umfeld in energetischem Austausch stand, wird nicht nur
im Blick auf seine künstlerische Praxis deutlich, sondern auch und immer wieder im Ge­ spräch mit jenen Protagonisten, die seinen ebenso komplexen wie umfangreichen Nachlass pflegen.