Lienhard von Monkiewitsch: DANACH IST DAVOR

Kat. Mönchehaus Museum Goslar / Sprengel Museum Hannover / Städtische Galerie KUBUS Hannover / Galerie vom Zufall und Glück Hannover

Texte (dt.) von Carina Plath, Anne Prenzler, Giso Westing
120 S. mit 90 farbigen Abbildungen
Format 26,5 x 21 cm, Klappenbroschur

ISBN 978-3-86442-353-6

29,80 €

Gedanken aus der Vorhölle

Unsere Unterhaltung beim Aufbau dreht sich um den in den Texten zu Monkiewitsch oft thematisierten Vatermord des Künstlers ab 1983: die Schnitte in das Schwarze Quadrat, die Ikone von Kasimir Malewitsch; wir reden über Protestantismus – Lienhard erzählt von seiner von protestantischen Pfarrern geprägten Familie, die im Lauf der Geschichte zunächst in Russland, dann im Nazideutschland und später in der DDR zu verschiedenen Zeiten unter verschiedenen Regimen Repressalien erlitt; auch gibt er manche Witze zu den Katholiken in der Hölle zum Besten. Ich kontere, dass die Protestanten dafür in der Vorhölle stecken bleiben – sind sie doch diejenigen, die, weder gesegnet noch verflucht, weder Paradies noch Verdammnis kennenlernen werden.
Die Frage der ideologisch „richtigen“ Kunst kommt auf: Der Künstler erzählt davon, wie er fotorealistisch gemalt hatte und angegriffen wurde für seinen Elitarismus; sich nach der Aufgabe des Realismus erneut von anderen Personen angefeindet sah, während wieder andere den konkreten Bezug zur Raumrealität der Fußböden ideologisch als ein Zugehen auf den Betrachter lasen. Wie schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit erfuhren Abstraktion und Figuration erneut eine politische Aufladung und bildeten die jeweiligen Bastionen im akademischen Kampf. Monkiewitsch, der an der aus der Werkkunstschule Braunschweig gerade hervorgegangenen Staatlichen Hochschule für bildende Künste als Student der Kunstpädagogik begonnen hatte und sich im Braunschweiger Umfeld der 68er-Bewegung engagierte, hat indes stets die Kunst von der Politik getrennt gehalten. Auch aus der Erfahrung seiner Familiengeschichte und des Wechsels der herrschenden Ideologien heraus hat er bewusst oder unbewusst die Kunst als überzeitliche und vom politischen Tagesgeschehen unabhängige Instanz aufgefasst.
Hinzu kommt eine alte und doch immer wieder neue Gelassenheit, die seiner Auffassung von Malerei zugrunde liegt. Kennzeichnend dafür sind die handschriftlichen Notizen auf den Keilrahmen der abstrakten Bilder, die vermerken, dass man das Bild horizontal oder vertikal hängen könne. Die Neugier und das spielerische Vertrauen in die Abstraktion als selbstregelnden Energiekreislauf hat bei Monkiewitsch nie einer Ideologie der Malerei weichen müssen. Er ist Künstler durch und durch, jedoch bleibt seine pausenlose Arbeit an dem, was ein Bild ist, offen gegenüber Zufällen und anderen externen Einflüssen. Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, dass das, was durch Zufall geschieht, die eigentliche künstlerische Position von Monkiewitsch markiert.
Wenn man Monkiewitschs Kunst in der Tradition der Konstruktiven Kunst seit Malewitsch verortet, ist entscheidend, sein dennoch skeptisches Verhältnis zur Geschichte der Abstraktion zu verstehen. Am Einsatz objektiver Größen wie etwa der Fibonacci-Zahlen oder aber des Zufalls – beides Momente einer ostentativen Absage an die künstlerische Intention und den Geniekult – zeigt sich bei Monkiewitsch ein grundsätzliches Misstrauen gegen den teleologischen Impuls der Klassischen Moderne. Andererseits zeichnete diese für die Etablierung des autonomen Kunstwerks verantwortlich und setzte sich damit auch für Ausdrucksfreiheit, für die Möglichkeiten der Wahrnehmungserweiterung und für das Recht des kritischen Betrachters ein. Diese Errungenschaften möchte der Künstler nicht aufgeben und gerät damit in die schwierige Situation, die Geschichte, ohne ihr zu unterliegen, fortschreiben zu müssen.
(Auszug aus dem Text von Carina Plath)

Ausstellungen:
Mönchehaus Museum Goslar; 21/3 – 4/7/2021
Sprengel Museum Hannover, 1/4 – 30/5/2021
Galerie vom Zufall und Glück Hannover, 13/11 – 28/11/2021
Städtische Galerie KUBUS, 13/11–19/12/2021